Cover: Von Anapher bis Zweitsprache - Facetten kommunikativer Welten

Von Anapher bis Zweitsprache - Facetten kommunikativer Welten

Bayrak, Cana; Frank, Annika; Heintges, Jessica; Sotkov, Mihail


Vorwort der HerausgeberInnen

 Cana Bayrak 1
 Annika Frank 2
 Jessica Heintges 2
 Mihail Sotkov 2


1 WWU Münster, Münster, Germany
2 TU Dortmund, Dortmund, Germany

Dieser Sammelband ist ein Geburtstagsgeschenk für Ludger Hoffmann. Mit kurzen, zum Teil auch persönlich gefärbten Beiträgen möchten wir uns bedanken für Jahrzehnte voller wissenschaftlicher Erkenntnisse, Diskussionen und Reflexionen, die Ludger mit uns, seinen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern in Forschung und Lehre, sowie auch mit unzähligen Studierenden und Lehrkräften geteilt hat. Bezugsrahmen der einzelnen Beiträge sind Gedanken, Ideen und Werke von Ludger Hoffmann. Zentrum unseres Vorworts ist die Person Ludger Hoffmann selbst.

 

Gleichwohl er als Individuum mithilfe seines Eigennamens symbolisch identifiziert werden kann (vgl. Hoffmann 1999, S. 223 [1]), möchten wir einige spezifische Eigenschaften des individuellen Namensträgers, „die im Wissen abgelegt sind“ [1], näher beleuchten. Dabei bleiben wir nicht nur im „onomastische[n] Feld“ [1], sondern bewegen uns im gesamten Symbolfeld, um Ludger Hoffmann als Menschen charakterisieren zu können. Betrachten wir die Bedeutung des Appellativs Mensch als „‚höchstentwickeltes gesellschaftliches Lebewesen mit der Fähigkeit zu arbeiten und zu denken‘“ (Pfeifer et al. 1995, S. 861 [2]), stellen wir fest, dass die Tätigkeiten des Denkens und Arbeitens in der Gesellschaft charakteristisch für die Gattung sind. Wir wollen zeigen, dass die Trias Denken-Arbeiten-Gesellschaft spezifisch auch für das Individuum Ludger Hoffmann ist – und zwar auf besondere Art und Weise.

Wie Udo Lindenberg hat auch Ludger Hoffmann immer sein Ding gemacht, „egal, was die anderen sagen“ (Udo Lindenberg, Mein Ding [3]). Dabei hat er sich immer auch die Freiheit genommen, die Dinge selbst zu denken, ohne in starren Traditionen verhaftet zu bleiben. Neben diese geistige Emanzipation tritt vor allem auch das Ernstnehmen der Gesellschaftlichkeit: So überwindet beispielsweise seine Deutsche Grammatik die durch die (altsprachliche) Tradition auferlegten Grenzen und denkt sprachliches Handeln konsistent gesellschaftlich-funktional. Dass in diesem Jahr die vierte Auflage erschienen ist (zum Beispiel um das Phänomen Fake News erweitert), zeigt die breite Rezeption seiner funktionalen Grammatik. Die Liste seiner Forschungsinteressen ist lang. Im Mittelpunkt steht jedoch immer die Funktionalität von Sprache, die den Reduktionismus der rein formalen Sprachbetrachtungen überwindet. Dazu gehört unweigerlich die konsequente und systematische Berücksichtigung des Hörers.

Das lateinische Mens sana in corpore sano nimmt Ludger Hoffmann wörtlich: Grammatik und Sprachreflexion für die geistige, das Fitnessstudio für die körperliche Gesundheit.

Den wissenschaftlichen Sprungaufschlag machte der gebürtige Hövelhofer mit seiner Dissertation Zur Sprache von Kindern im Vorschulalter (1978) [4]. Einen (weiteren) Treffer seines linguistischen Schaffens erzielte Ludger dann mit seiner Habilitation zur Kommunikation vor Gericht (1983) [5], in der er durch die Analyse des Sprechhandelns in Gerichtsverhandlungen die pragmatische Betrachtung institutioneller Sprachverwendung maßgeblich voranbrachte. Viele weitere Schriften folgten. Auf seiner stets aktuellen, umfangreichen und informativen Homepage stehen viele davon zur Verfügung.

Zu seinen beruflichen Stationen zählen u.a. die Universitäten in Münster und Hamburg, das IDS in Mannheim sowie natürlich die Fußballhauptstadt Dortmund mit ihrer (heute technischen) Universität, an der Ludger über zwanzig Jahre den Lehrstuhl für Deutsche Sprache und Deutsch als Zweit-/Fremdsprache besetzte. Dort konzeptionierte er in Kooperation mit der Anglistik/Amerikanistik die Studiengänge der Angewandten Sprach- bzw. Kultur- und Literaturwissenschaften. Bei ihrer Einführung 2001 zählten sie zu den ersten B.A.-/M.A.-Studiengängen deutschlandweit und sind bis heute auch eine Nachwuchsschmiede für eigene Köpfe.

Ludger Hoffmanns Kolloquium Pragmatik & Sprachtheorie war für Studierende und MitarbeiterInnen immer eine tiefe Quelle geistiger und wissenschaftlicher Inspiration. Ein jedes Semester begann hier mit zahlreichen Buchrezensionen und gleich ob anthropologische, belletristische, linguistische, philosophische, psychologische oder soziologische Werke – alle Disziplinen und Arbeiten wurden überaus angemessen (kritisch) rezipiert und behandelt. Das Kolloquium wurde zu einem Begegnungsraum, in dem das Humboldtsche Bildungsideal (vor-)gelebt wurde – das Sich-Bilden des Individuums als essentieller Teil seiner Menschwerdung. Auch in seiner Vision einer „sprachsensiblen und mehrsprachigen Schule“ (Hoffmann 2017 [6]) spiegelt sich ein humanistischer Grundgedanke wider. Mit lauter Stimme stellt sich Ludger Hoffmann auch hier gegen institutionell systematisierte Bildungsbenachteiligung u.a. durch das Nicht-Beachten mehrsprachiger Identitäten und Potentiale. Er fördert das Sich-Bilden als Prozess der Selbstermächtigung. Seine Menschlichkeit im Sinne einer „‚Freundlichkeit im Umgang mit anderen‘“ (Pfeifer et al. 1995: 861 [2]) drückt sich in seinem gesamten sozialen Handeln aus und bewirkt unmittelbar etwas in seinen Mitmenschen: Sie vermittelt Wahrgenommen-Werden und echte Wertschätzung.

 

In seinen Arbeiten dachte und denkt Ludger Hoffmann auch um Ecken herum, um die nicht jeder – aufgrund der möglichen Abwendung von etablierten Theorien bzw. deren Erneuerung – hätte denken wollen. So geht auch dieser Sammelband mit seinem besonderen Format, einem persönlich gefärbten Duktus sowie einem zwinkernden, jedoch nicht weniger linguistisch-scharfem Auge in den Karikaturen einen Weg, der um eine vermeintlich ungewöhnliche Ecke führt.

 

Die Beiträge im Themenbereich Mehrsprachigkeit reichen von einer Untersuchung der Wahrnehmung nicht-muttersprachlicher Akzente in einer Fremdsprache (Bröcher-Drabent) über Probleme der Übersetzbarkeit (Naumovich) bis zu Motivationen von DaF-Lernenden, die deutsche Sprache zu erlernen (Wulff). 

Im Themenbereich Funktionale Grammatik wird ein Blick auf zentrale (Rede-)Gegenstände in Hoffmanns Syntax – formal und funktional gerichtet (Budde), Parallelen zwischen den Prinzipien der Funktionalen Syntax und dem zwischenmenschlichen Handeln Ludger Hoffmanns werden gezogen (Heintges). Die mentale Verarbeitung der komplexen Nominalphrase wird illustriert (Selmani) und das aktuelle Verzeichnis grundlegender grammatischer Fachausdrücke der Kultusministerkonferenz mittels eines Gedankenexperiments kritisch hinterfragt (Bredel). Auch finden sich hier vertiefte Auseinandersetzungen mit ‚kleinen Wörtern, die es in sich haben‘: Untersucht wird sprachlicher Wandel bei der Partikel mit (Bücker) und bei zumal, das als Konnektor anderen Kausalkonnektoren gegenübergestellt wird (Ferraresi). Die Klassifikation des Ausdrucks nur als Konjunktor wird durch das Zusammentragen verschiedener Belege unterstrichen (Eroms), zudem werden Ansätze linguistisch begründeter Kriterien zur Verwendung von Mitteln der thematischen Fortführung (Anapher/Anadeixis) mit Blick auf DaZ-Didaktik diskutiert (Spiekermann).

Im Themenbereich Sprache – Literatur – Musik werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sprache und Musik bezüglich ihres Ursprungs und ihrer Verarbeitung sowie ihre Potentiale herausgearbeitet (Leimbrink). Außerdem werden didaktische Ansätze für eine linguistisch-pragmatische Analyse literarisch inszenierter, realitätsnaher Gespräche skizziert (Düring & Langenbach).

Im Themenbereich Pragmatik & Diskursanalyse werden verschiedene Ausprägungsformen von Zäsuren beim autobiografischen Erzählen (Böing) sowie Strategien des Weglassens in geschriebener Sprache dargestellt (Eichinger). Der Relevanzpunkt wird als aussagekräftiger Literalitätsindikator bei LernerInnen analysiert (Grießhaber) und anhand von Fallbeobachtungen die Bedeutung metakognitiven und metanarrativen Wissens beim Verfassen von Texten veranschaulicht (Quasthoff). Des Weiteren werden hier die an die Institution Kindergarten geknüpften Erwartungen in einen historischen Kontext eingeordnet und die Notwendigkeit der Erforschung der Alltagskommunikation im Kindergarten herausgestellt (Briedigkeit).

Im Themenbereich Sprache & Rassismus werden am Beispiel des Lexems Affe Bedeutungspotentiale diskutiert mit spezifischem Blick auf rassistische Beleidigungen (Frank). In einem zweiten Beitrag werden das Gefüge von Macht, Sprache und Literatur erörtert und didaktische Anregungen für die Thematisierung von Rassismus und Diskriminierung im Literaturunterricht gegeben (Riedel).

Im abschließenden Themenbereich Sprachvermittlung, Unterricht und Sprachförderung finden sich Beiträge, die ihr Augenmerk auf eine sprachsensible (Unterrichts-)Didaktik legen. Zwecks Erörterung der Anforderung und Komplexität des Beschreibens im Biologieunterricht werden hier exemplarisch Beschreibungen von Strichzeichnungen betrachtet (Bayrak) und am Beispiel einer Biologiestunde Hinweise gegeben, wie Textarbeit beim Übergang von der Vorbereitungsklasse in den Regelunterricht gestaltet werden könnte (Kameyama & Sotkov). Es werden die Potentiale des generativ-kreativen Schreibens im Kontext der Aneignung von Interjektionen in internationalen Vorbereitungsklassen (Eggs) sowie der digitalen Medien zur Förderung kommunikativer Fähigkeiten im Herkunftssprachenunterricht aufgezeigt (Kalkavan-Aydın). Ferner wird der Frage nachgegangen, wie es gelingen kann, dass SchülerInnen grammatischen Phänomenen mit einer forschenden Grundhaltung begegnen (Lang) und es werden Anregungen für gemeinsame Forschungs-‚Pfade‘ von Funktionaler Grammatik und Sprachdidaktik gegeben, um mit vereinten Kräften die Unterrichtspraxis zu verbessern (Steinhoff).

Zu diesen sechs Themenbereichen, die an Ludger Hoffmanns Forschung anknüpfen und sich an ihr orientieren, finden sich zudem jeweils einleitend Karikaturen, die über die Verknüpfung von Wissenschaft und Witz zum Schmunzeln einladen (Sassen).

 

Wir bedanken uns bei allen Beitragenden für die gute Zusammenarbeit, vor allem während des doch sportlichen Endspurts. Claudia Sassen danken wir für ihre vielen kreativen Ideen zur Gestaltung des Covers und vor allem für die Umsetzung. Bei Florian Thind bedanken wir uns für seine Unterstützung bei der Redaktion.

 

Cana Bayrak

Annika Frank

Jessica Heintges

Mihail Sotkov

Dortmund, im Juni 2021


References

[1] Hoffmann, Ludger (1999): Eigennamen im sprachlichen Handeln. In: K. Bührig/Y. Matras (Hg.): Sprachtheorie und sprachliches Handeln. Tübingen: Stauffenburg, S. 213-234.
[2] Pfeifer, Wolfgang (1995): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Ungekürzte, durchgesehene Ausgabe. München: DTV.
[3] Lindenberg, Udo (2008): "Mein Ding". Text: Udo Lindenberg; Musik: Jörg Sander, Sandi Strmljan. Stark wie zwei. Starwatch (Warner). CD.
[4] Hoffmann, Ludger (1978): Zur Sprache von Kindern im Vorschulalter. Eine Untersuchung in zwei Kindergärten aus dem niederdeutschen Sprachraum. Köln [u.a.]: Böhlau.
[5] Hoffmann, Ludger (1983): Kommunikation vor Gericht. Tübingen: Narr.
[6] Hoffmann, Ludger; Kameyama, Shinichi; Riedel, Monika; Sahiner, Pembe; Wulff, Nadja (2017): Deutsch als Zweitsprache. Ein Handbuch für die Lehrerausbildung. Berlin: ESV.