Cover: Von Anapher bis Zweitsprache - Facetten kommunikativer Welten

Von Anapher bis Zweitsprache - Facetten kommunikativer Welten

Bayrak, Cana; Frank, Annika; Heintges, Jessica; Sotkov, Mihail


Ludgers Grammatik oder die Grammatik von Ludger? Forschendes Lernen im Grammatikunterricht

Kristine Lang 1


1 Osnabrück

1 Syntaktische Variation erforschen

Manche glauben, Grammatik sei trocken, schwierig, uninteressant. Und lassen sich die Faszination der neueren Forschung, die auf eine Erklärung von Sprachfähigkeit und kommunikativem Handeln aus ist, entgehen. Sie haben nie versucht, selbst grammatischen Phänomenen auf die Spur zu kommen. (Hoffmann 2016, S. 15) [1]

An diesem Punkt soll der vorliegende Beitrag anknüpfen: Wie kann es gelingen, dass SchülerInnen mit einer forschenden Grundhaltung grammatischen Phänomenen auf den Grund gehen? Wie kann erreicht werden, dass sie Grammatik sowie Grammatikunterricht nicht als langweilig oder „trocken“ wahrnehmen, sondern als spannend und als Bereicherung für das eigene sprachliche Handeln?

Insbesondere die syntaktische Variation sprachlicher Strukturen bietet sich für forschendes Lernen in der Sekundarstufe an. Forschendes Lernen wird hier verstanden als eine selbständige, entdeckende, aber auch systematische Auseinandersetzung mit einem Lerngegenstand oder Problem, die es den SchülerInnen ermöglicht, zu – für sie – neuen Einsichten zu gelangen (vgl. Messner 2009, S. 23) [2]. Exemplarisch sollen im Folgenden einige didaktische Ideen im Hinblick auf die syntaktische Variation von Genitivattribut (Ludgers Grammatik) und Präpositionalphrase mit von (die Grammatik von Ludger) skizziert werden. Die Betrachtung attributiver Strukturen ist auch deshalb von besonderer Relevanz, da vor allem das Genitivattribut als spezifisches Merkmal von Bildungssprache gilt, mit der sich die SchülerInnen in den höheren Klassenstufen nicht nur im Fach Deutsch, sondern außerdem im Fachunterricht auseinandersetzen.

 

2 Genitivattribut und Präpositionalphrase mit von

Häufig gilt die Präpositionalphrase mit von als die umgangssprachliche Variante des Genitivattributs, die es in bildungssprachlichen Kontexten zu vermeiden gilt. Tabelle 1 zeigt, wie vielfältig die Möglichkeiten der syntaktischen Variation attributiver Strukturen sind. Aufgenommen ist hier zusätzlich die in einigen Mundarten und in der Umgangssprache auftretende Form des sogenannten adnominalen possessiven Dativs (dem Ludger seine Grammatik).

Bei den hier aufgeführten Ausdrücken handelt es sich nicht um „konkurrierende“ oder „alternative“ Konstruktionen, sondern jede Konstruktion deckt ein eigenes Leistungsspektrum ab, erfüllt im jeweiligen Kontext also eine spezifische Funktion.

Tabelle 1: Möglichkeiten syntaktischer Variation (in Anlehnung an Lang 2018, S. 13) [3]

 

Genitiv

Beispiele

Syntaktische Variation    

Beispiele

Postnominal

 

das Buch meines Vaters

Präposition

+1das Buch von meinem Vater

Pränominal

meines Vaters Buch

Adnominaler possessiver Dativ

+meinem Vater sein Buch

Sächsischer Genitiv mit Appellativum

Vaters Buch

?mein Vaters Buch

Präposition

+das Buch von Vater

 

 

Adnominaler possessiver Dativ

+dem Vater sein Buch

Sächsischer Genitiv mit Eigennamen

Ludgers Grammatik

die Grammatik Ludgers

Präposition

+die Grammatik von Ludger

 

 

Adnominaler possessiver Dativ

+dem Ludger seine Grammatik

 

Es gibt Kontexte, in denen eine der Formen obligatorisch ist. In einem Beispiel wie die Gewinnung von Kohle (vgl. Helbig/Buscha 2001, S. 500)  [4] liegt ein generischer Singular des Possessors (Kohle) vor. In diesem Fall kann nur die Präpositionalphrase mit von verwendet werden. Auch verschiedene semantische Relationen verlangen entweder Genitivattribut oder von-Phrase wie z.B. der Genitivus Definitivus (die Tugend des zivilen Ungehorsams vs. *die Tugend von dem zivilen Ungehorsam) (Beispiel aus Engelen 2010, S. 67) [5] oder der Mensurativ (ein Baum von zwei Metern Höhe vs. *ein Baum zweier Meter Höhe) (Beispiel aus Zifonun 2005, S. 27) [6].

Auch in „fakultativen“ Kontexten, in denen beide Ausdrücke theo-retisch möglich wären, ist in einigen Fällen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens für die eine oder die andere Konstruktion größer. Beispielsweise folgen in der Regel zwei formal gleiche Konstruktionen nicht aufeinander (das Geschenk von Peters Mutter vs. das Geschenk der Mutter Peters). Für den Hörer können die Bezüge im zweiten Fall unklar sein, die erste Variante ist expliziter. Auch wenn der Possessor in Form eines Eigennamens auf einen s-Laut endet, wie Thomas‘ Geschenk, ist die Wahrscheinlichkeit, dass hier ein Genitivattribut verwendet wird, geringer. Umfassendere Darstellungen bieten z.B. Zifonun (2005) [6] und Lang (2018) [3].

 

3 Grammatische Formen und Funktionen erforschen

Statt den SchülerInnen zu vermitteln, dass das Genitivattribut grundsätzlich in bildungssprachlichen Texten eingesetzt wird und die von-Konstruktion die umgangssprachliche Variante darstellt, sollte vielmehr mit den Lernenden darüber reflektiert werden, warum sich Genitivattribute in Sach- und Fachtexten gut eignen, warum die von-Phrasen vor allem im Diskurs auftreten, in welchen Fällen die jeweiligen Konstruktionen obligatorisch sind oder wahrscheinlicher, also welche Funktion die Formen im entsprechenden Kontext erfüllen. Bei einer solchen Sichtweise ist stets die Wissensbearbeitung von Sprecher und Hörer zu berücksichtigen. Hoffmann (2016) [1] formuliert diesbezüglich:

Für die funktionale Perspektive ist es wichtig, die Position von Hörer oder Leser einzunehmen. Wie ist eine gegebene Äußerung in einem Gesprächszusammenhang in einer bestimmten Gesprächskonstellation zu verstehen? Welchen Beitrag zum Verständnis leisten die einzelnen funktionalen Elemente, die Wörter, die Wortgruppen, feste Formen, Teilsätze …? (Hoffmann 2016, S. 16) [1].

So sind schriftliche Texte in der Regel geplant, Schreiber und Leser befinden sich nicht im gemeinsamen Rederaum (vgl. Ehlich 2003, S. 320) [7], was Auswirkungen auf das Schreibprodukt hat, denn der Schreiber muss z.B. mögliche Reaktionen des Lesers antizipieren.

Um die Funktion der Ausdrücke zu untersuchen, können die SchülerInnen ein eigenes Datenkorpus zusammenstellen. Dazu bieten sich z.B. die Texte aus den Lehrwerken, besonders aus dem Fachunterricht an, die im Hinblick auf die Verwendung der beiden Konstruktionen analysiert werden können. Wichtig ist, nicht mit konstruierten Beispielen zu arbeiten, sondern von authentischer Sprache auszugehen (vgl. Hoffmann 2016, S. 17) [1], d.h. echte Gespräche oder Texte zu nutzen. Um das Funktionsspektrum der Konstruktionen zu verdeutlichen, sollten verschiedene Textsorten betrachtet werden, wie sie das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) [8] zur Verfügung stellt. Hier besteht z.B. die Möglichkeit, Belletristik, Fachprosa und journalistische Texte zu untersuchen. Bezogen auf die gesprochene Sprache kann z.B. die Datenbank gesprochenes Deutsch (DGD) [9] des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim oder das DWDS, das Transkripte von gesprochener Sprache zur Verfügung stellt, genutzt werden. Die SchülerInnen können zusätzlich selbst Daten erheben und anschließend transkribieren. Hier bieten sich v.a. (private) Gespräche oder Radiosendungen, z.B. Interviews, an. Will man statistische Analysen durchführen, so bedarf es einigen Aufwandes, insbesondere dann, wenn vorher nicht alle Daten in Form von Transkripten vorliegen. Interessant ist auch – vor allem in der Oberstufe – eigene Ergebnisse mit wissenschaftlichen Studien zu vergleichen. Bei den Analysen sollte stets hinterfragt werden, warum sich bestimmte Konstruktionen in Bezug auf den Hörer/Leser eignen.

Sprachvergleichende Untersuchungen sind eine weitere Option, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Hier können die verschiedenen Erstsprachen der SchülerInnen eingebunden werden. Sicherlich werden davon ausgehend andere Konstruktionen gefunden, die syntaktische Variation aufweisen, wie z.B. das Haus von mir vs. mein Haus oder innerhalb von einem Monat vs. innerhalb eines Monats.

Eine weitere Möglichkeit ist die Entwicklung von Fragebögen durch die SchülerInnen, in denen nach der Angemessenheit verschiedener Ausdrücke in bestimmten Kontexten gefragt wird. Auf diese Weise kommen die SchülerInnen mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Methoden in Kontakt. Es könnten z.B. einige authentische Beispiele, die entweder ein Genitivattribut oder eine Präpositionalphrase mit von enthalten, ausgewählt und die jeweilige syntaktische Variante gebildet werden. Die Probanden sollen dann entscheiden und begründen, warum sie einen der beiden Ausdrücke dem anderen vorziehen. Die Fragebögen können an MitschülerInnen aus verschiedenen Klassenstufen oder im familiären Kreis verteilt und zum Abschluss ausgewertet werden und als Gesprächs- und Reflexionsanlass dienen.

Ein Lernziel könnte die Entdeckung sein, dass die Leistung des Genitivattributs v.a. darin besteht, zu verdichten, aber gleichzeitig inhaltlich eher neutral bzw. allgemein zu sein, besonders in nicht-komplexen Konstruktionen, wie z.B. Teil-Ganzes-Relationen (der Ast des Baumes; das Dach des Hauses). Diese Funktionen machen das Genitivattribut im Vergleich zu Präpositionalausdrücken mit von für Sachtexte interessant, da sie ökonomischer und dafür inhaltlich weniger lenkend sein können (vgl. Lang 2018, S. 224 ff.) [3]. Die von-Konstruktion ist häufig expliziter, da sie durch die Präposition von eine spezifischere Bedeutung hat (Herkunft). Im Diskurs ergeben sich vielfältige Möglichkeiten durch die Verwendung der von-Phrase z.B. dadurch, dass die Präpositionalphrase vorangestellt werden kann (von Ludger die Grammatik, die ist toll). Die veränderte lineare Abfolge kann z.B. der besonderen Gewichtung dienen. Gleichzeitig sind Ausdrücke mit Präpositionalphrasen im Kontext von Bildungssprache in manchen Fällen stilistisch eher unangebracht (vgl. ebd.), wie z.B. +das Auto vom Sohn vs. das Haus des Sohnes.

Indem die Form in Bezug auf „ihre Funktion im sprachlichen Handeln“ (vgl. Hoffmann 2006, S. 44) [10] betrachtet wird, kann funktionaler Grammatikunterricht gelingen. Es geht also nicht darum, schematisch Formen einzusetzen, sondern ein Verständnis für die zugrundeliegende Funktion zu entwickeln: „Wenn wir wissen, was wir tun, können wir es auch verbessern: genauer formulieren, den Hörer im Blick behalten, die richtigen Worte wählen, das Verstehen optimieren“ (Hoffmann 2016, S. 16) [1].

 

    + gilt häufig als markiert bzw. als Substandard.

 


References

[1] Hoffmann, Ludger (2016): Deutsche Grammatik. Grundlagen für Lehrerausbildung, Schule, Deutsch als Zweitsprache und Deutsch als Fremdsprache. 3., neu bearbeitete und erweiterte Aufl. Berlin: ESV.
[2] Messner, Rudolf (2009): Forschendes Lernen aus pädagogischer Sicht. In: ders. (Hg.): Schule forscht. Ansätze und Methoden zum forschenden Lernen. Edition Körber-Stiftung, S. 15–30. Online verfügbar unter https://www.koerber-stiftung.de/fileadmin/bookshop/leseproben/Messner_Schuleforscht_28.pdf, zuletzt geprüft am 26.04.2021.
[3] Lang, Kristine (2018): Possession. Empirisch-funktionale Untersuchungen zu Genitivattribut und Präpositionalphrase mit von. München: iudicium.
[4] Helbig, Gerhard; Buscha, Joachim (2001): Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. Berlin: Langenscheidt.
[5] Engelen, Bernhard (2010): Zum Beispiel das Genitivattribut. In: ders. (Hg.): Schwierige sprachliche Strukturen: Aufsätze zur deutschen Grammatik. Frankfurt a. M. [u.a.]: Lang, S. 59–70.
[6] Zifonun, Gisela (2005): Grammatik des deutschen im europäischen Vergleich. Das Pronomen. Teil III: Possessivpronomen. Mannheim: IDS (amades 3/05).
[7] Ehlich, Konrad (2003): Determination – eine funktional-pragmatische Analyse am Beispiel hebräischer Strukturen. In: Ludger Hoffmann (Hg.): Funktionale Syntax. Die pragmatische Perspektive. Berlin [u.a.]: de Gruyter, S. 307–201.
[8] DWDS (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache). Online verfügbar unter https://www.dwds.de, zuletzt geprüft am 26.04.2021.
[9] DGS (Datenbank für gesprochenes Deutsch). Online verfügbar unter https://dgd.ids-mannheim.de/dgd/pragdb.dgd_extern.welcome, zuletzt geprüft am 26.04.2021.
[10] Hoffmann, Ludger (2006): Funktionaler Grammatikunterricht. In: Tabea Becker und Corinna Peschel (Hg.): Gesteuerter und ungesteuerter Grammatikerwerb. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S. 20–45.